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Der Werkhof des EAW Lingen

Vom 'Luna-Park' zum 'Park-Platz'

'Luna-Park' wurde er wegen seiner wildromantischen Verlassenheit von den Arbeitern des Eisenbahnausbesserungswerkes Lingen genannt, der rund 6.000m² große Platz zwischen Halle 4 und der Justizvollzugsanstalt Lingen.
In seiner Funktion als Werkhof erfüllte er Lagerzwecke, wurde als Übungsfläche für die Werkfeuerwehr genutzt und später in Teilen als Schrottplatz und sogar als Manöverfläche für britischen Soldaten verwendet. Er war zugleich die größte unbebaute Fläche im Lingener Werk.

Als am 23. Juni 1856 im emsländischen Lingen die Werkstätten der Königlich Hannoverschen Westbahn ihre Pforten öffneten, befanden sich nur wenige Gebäude gegenüber dem bis heute nur leicht veränderten Bahnhofes.
Hierbei handelte es sich um relativ kleine Hallenbauten und Werkstätten, die in ihren Dimensionen mit den späteren Erweiterungen wie Halle 4 und Halle 1 & 2 kaum vergleichbar sind. Eine Vorstellung davon liefern die bis heute in ihren Grundmauern kaum veränderte Schmiede und die Betriebsschlosserei, die auch als Halle 31 und Halle 51 bezeichnet werden und die letzten Überbleibsel aus der Gründungszeit des Werkes darstellen.
Mit der stetig steigenden Zahl zu unterhaltender Fahrzeuge in den Folgejahren, stieg auch der Bedarf an Gebäudeflächen. So entstand 1875 nördlich der genannten Bauten eine schon beachtlich dimensionierte neue Lokomotivhalle. Nördlich davon entstand wiederum 1878 ein neuer Ringlokschuppen mit sechzehn Standplätzen und Drehscheibe.
Zwischen beiden Bauten führte ein öffentlicher Fußweg zur Erschließung des östlichen Stadtgebietes hindurch, der an einen einfachen Überführungssteg anschloss und sich leicht nördlich versetzt vom Lingener Hauptbahnhof befand.

Schon lange vor Eröffnung der Werkstätte im Jahre 1833 wurde etwas weiter nördlich die historische Kaserne errichtet, welche die Lingener Garnison beherbergte. Etwa zeitgleich mit der Entstehung der Werkstätten wandelte man sie in eine Justizvollzugsanstalt um, die bis in die Gegenwart im Zentrum der Stadt wuchert, positive Weiterentwicklungen hemmt und sich selbst alle Beschränkungen und Behinderungen auferlegt, die ein solch unsinniger Standort mit sich bringt.
Das ebenfalls 1833 erbaute Direktorengebäude und der ehemalige Exerzierschuppen dieser Anlage, der heute als Gefängniskapelle dient, verhinderten einen weiteren Ausbau des Eisenbahnwerkes in die nördliche Richtung.

Stückwerk

Dreiunddreißig Jahre nach Entstehung der neuen Lokomotivhalle machte der weiterhin wachsende Bestand zu unterhaltender Fahrzeuge einen weiteren Ausbau der Werkanlagen nötig. Da eine Expansion nach Norden aufgrund der genannten Umstände nicht in Betracht kam, opferte man den Ringlokschuppen und errichtete an seinem Standort eine weitere, nochmals größere Lokomotivhalle, die damals als 'Neue Bude' bezeichnet wurde und heute 'Halle 4' oder auch - vermutlich ist es schick - 'Halle IV' genannt wird.

Die zum Rangieren notwendigen Abstandsflächen südlich der Halle 4 und die Breite von etwa fünfzehn Metern jedes ihrer vier Hallenschiffe ließen im Norden ein asymmetrisches Reststück entstehen.
Diese Fläche wurde im Süden von der Längswand der Halle 4, im Westen von den flankierenden Gleisen mit dem gegenüber liegenden Güterbahnhof, im Norden vom Gefängnis und im Osten von der Kaiserstraße bzw. der Werk-Grenzmauer eingefasst, wodurch sie ihre polygone Form erhielt.
Als sechs Jahre später im Süden der 'Königlich Preußischen Eisenbahnwerkstätten zu Lingen' mit der Halle 1 & 2 die umfangreichste bauliche Erweiterung erfolgte und der dort befindliche Wasserturm weichen musste, wies man im Jahr 1916, während des abschnittweise ausgeführten Bauunternehmens 'Halle 1 & 2' den neuen Standort auf der nördlichen Restfläche aus. Hier war eine Erweiterung ohnehin nicht möglich und der Turm stand hier keiner zukünftigen Entwicklung im Weg.

Platz ist Geld

Was aber macht man nun mit diesem Rest? Zum Bebauen war er zu klein, zu ungünstig geschnitten, zu dezentral. Die Halle 4 wurde nach Fertigstellung der neuen 'Lokrichtehalle 1 & 2' im Jahre 1918 zum 'Stofflager' degradiert und damit lag auch die künftige Nutzung der Restfläche als Werkhof nahe.
Die Lagerung größerer Ersatzteile wie Radreifen, Altmetall, Gestänge, Siederohre, Kohle usw. erfordert viel Platz. Platz ist teuer, Geld ist immer zu wenig da und so fanden diese Teile auf dem Nordabschnitt ihren kostengünstigen Lagerplatz.
Zu ihrer ordentlichen Unterbringung wurden gemauerte Bansen und einfache Lagerschuppen in Holzkonstruktion und Mauerwerk erstellt, die sich entlang der nördlichen Werkgrenzmauer erstreckten. Auf der Fläche selbst verlegte man Gleisabschnitte ebenerdig in Beton, die zunächst von einer zentral gelegenen Schiebebühne und einer kleinen, per Spill betriebenen Drehscheibe erschlossen wurden, was die erforderlichen Arbeitsradien minimierte.
Hier konnten die Ladungen von Niederbordwagen bequem entladen und Lokomotivtender problemlos längerfristig abgestellt werden, während die dazu gehörenden Lokomotiven den Ausbesserungsprozess durchliefen, denn in den frühen 1920er Jahren befand sich zeitweise die Tender-Ausbesserungsabteilung in einem Teil der Halle 4.

Im Jahr 1923 errichtete man eine in Nord-Süd-Richtung verlaufende 5t-Laufkrananlage auf dem Werkhof, die den Transport der Güter vereinfachte und Verlagerungen über weitere Strecken ermöglichte. Auf diese Weise konnten Kohlen bis in die äußerste Ecke des Werkes an der Kaiserstraße geliefert werden, wo sich ein Kohlenlager befand, bei dem auch Privatpersonen und Angehörige des Eisenbahnervereins ihre Ration erwerben konnten.

Zeichen der Zeit

Kurz nach dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden einige Änderungen auf dem Nordabschnitt vorgenommen. Die Kranbahn wurde demontiert und die Gleisanlagen entfernt. Stattdessen verlegte man ein zentrales Gleis in Ost-West-Ausrichtung, welches über eine kleine Drehscheibe direkt vor der Eingangstür des Wasserturms Anschluss fand.
Parallel hierzu verlegte man hölzerne Eisenbahnschwellen im Boden, welche fortan als Lagerfläche dienten. Auch die Schuppen und Schüttgut-Bansen entlang der nördlichen Grenzmauer wurden mehrfach umgebaut und den jeweiligen Bedingungen angepasst. Ein leichter Schwenkkran entstand, Arbeitsgruben und eine Gleiswaage zur Feststellung der Ladungsmenge. Des Weiteren verlief nun ein zweites Gleis von der Drehscheibe in leichtem Bogen bis kurz vor die Grenzmauer an der Kaiserstraße, wo es das Hauptwerkgleis kreuzte, das vom südlichen Ende bis hier das ganze Werk durchlief und die Halle 4 durchzog.

Die bauliche Ausgestaltung der Grenzmauer zur Kaiserstraße wurde mehrfach geändert. Zeitweise verlief hier ein kleiner Abwasserkanal der gegenüberliegenden Molkerei. Später wurde eine neue 2,40m hohe Mauer errichtet, die von flachen Mauerwerkbändern, sogenannten Lisenen gegliedert wurde. Die zwischenliegenden Flächen strich man später in einem grünlichen Ton, was der negativen, weil düsteren Gesamtwirkung der Kaiserstraße bedingt durch die beidseitig aufragende Bebauung jedoch kaum weiterhalf.

Hinter dieser Wand entstanden Lagerschuppen mit Abzügen auf dem Flachdach, Toiletten und Baracken. Die größte Änderung war jedoch der Bau einer 2t-Laufkrananlage entlang der nördlichen Wand der Halle 4 in Stahlkonstruktion. Zu diesem Zweck mussten die Mauerwerkpfeiler, die vormals denen der Südwand glichen, an dieser Seite geändert werden. Sie erhielten gerade Abschlüsse, auf denen eines der beiden Fahrgleise des Kranes auflagerte. Das gegenüberliegende Krangleis lag auf dreizehn senkrechten Stahlstützen. Eine Kranbrücke mit Führerkabine und Laufkatze konnte nun Güterverlagerungen von der Ost- zur Westseite des Werkes problemlos und schnell erledigen.

Fortan lagerten hier Türme von Radreifen, Planen, Puffer, Rungen, Motoren und Altstoffe aller Art.
Mit dem allmählichen Abgang einzelner Fertigungsbereiche aus dem AW Lingen und der Umstellung von der Lokomotiv- auf die Güterwageninstandhaltung verlor dieser Bereich des Werkes immer mehr an Bedeutung.
Die wesentlichen Fertigungsabläufe fanden in der großen Halle 1 & 2 statt. Die Halle 4 wie auch die Kesselschmiede und eine zunehmende Zahl an Gebäuden wurden aufgelassen und an Fremdfirmen vermietet. Damit brach auch für den Nordabschnitt eine ruhige Zeit an. Die Werkfeuerwehr hielt gelegentlich eine Übung ab, löschte ihr Testfeuer, das auf einem Niederbordwagen brannte und dann war wieder alles ruhig.

Industrie-Idylle

In den frühen 1980er Jahren wurde ein abgeteilter Bereich an einen ortsansässigen Schrotthändler vermietet. Über einen rund zehnjährigen Zeitraum standen hier nun Unfallfahrzeuge. Die unbefriedigenden Zustände wuchsen.
Die Lagerschuppen verfielen, der Wasserturm wurde 1977 außer Betrieb gestellt. Wildwuchs entstand. Birken und Ahornbäume siedelten sich an, zwischen den Gleisen wucherten Wildkräuter. Rost, Scherben und bröckelndes Mauerwerk überall.
Als nach dem Auslauf der Güterwageninstandhaltung 1983 die endgültige Schließung des Lingener Werkes absehbar war, begann sich die Stadtverwaltung für das günstig gelegene Areal zu interessieren.
Mit dem Auslauf der Mietverträge verschwand der direkt hinter der östlichen Werkmauer befindliche Schrottplatz und im April 1989 stand der Abrissbagger auf dem ehemaligen Werkhof. Innerhalb von zwei Tagen wurden die Lagerschuppen hinter der Werkmauer zur Kaiserstraße und die Laufkrananlage abgerissen. Zuletzt verschwanden die Lagerschuppen neben dem Wasserturm und zwei hohe Lampenmasten, die zentral auf dem Platz angeordnet waren.

Dann stand die Zeit wieder zwei Jahre lang still. Die verbliebenen Bäume und Kräuter wurden immer größer, breiteten sich aus. Pflanzen brachen die Versiegelung der Flächen auf, Pflaster und Schienen verschwanden in frischem Grün. Aus dem zurückgelassenen Bauschutt wucherten Diesteln, Giersch und Brennesseln. Schmale Streifen von golden leuchtendem Johanniskraut und Kamille blühten zwischen den Gleisen.
Die eigenartige Abgeschiedenheit und Atmosphäre dieses Ortes stand im seltsamen Kontrast zur innerstädtischen, belebten Lage dieser Fläche und verstärkte sich immer mehr, je üppiger die Pflanzen die industriellen Überreste überwucherten. Die allseitige Umschließung des Areals hielt Vandalismus fern und isolierte diese kleine Welt, in der nur Kaninchen an warmen Sommerabenden umher hoppelten.

Fort Knox

Dieser Idylle setzten anrückende Soldaten der britischen Streitkräfte im Rahmen eines Manövers ein jähes Ende, als sie im Februar 1990 mit viel Getöse über Nacht den ehemaligen Werkhof besetzten, einige Tage wie Fort Knox bewachten und dann wieder unter viel Getöse von dannen zogen.

Im Mai 1991 begannen auf dem Nordabschnitt die Arbeiten zur Tiefenenttrümmerung. Über mehrere Tage beseitigten Bagger die einbetonierten Gleise, rissen Fundamente, Mauerreste und Lichtmasten aus der Erde. Auch die Vegetation wurde nicht geschont sondern komplett herausgerissen und plattgewalzt.
Einzig eine besonders dominante Trauerbirke mitten auf dem Platz und ein Ahorn nahe der Kaiserstraße blieben, wenn auch schwer deformiert, erhalten.
Durch die Entfernung großer Mengen unterirdischer Bauteile und kontaminierten Bodens sank das Bodenniveau erheblich ab. Dies wurde mit weißem Sand und einer Schicht aufgetragenem Mutterboden ausgeglichen, der geeggt und mit Wieseneinsaat versehen wurde - der ehemalige Werkhof hatte seinen Zauber verloren. Nur öde Weite blieb zurück.
Inzwischen meldete die benachbarte JVA wieder einmal 'Wucherbedarf' an. Gern hätte man auf dem Nordabschnitt eine Werkhalle errichtet, noch lieber die ganze Halle 4 und gleich auch den Wasserturm (wohl als Wachtposten) gehabt und schön mit NATO-Draht, Scheinwerfern und Sicherheitsschleusen verziert. Doch diesem Wunsch wurde dankenswerter Weise nicht stattgegeben. Eine solche Förderung des Wachstums dieses innerstädtischen Fremdkörpers wäre auch schwerlich zu rechtfertigen gewesen.

Tabula rasa

Als die Bauarbeiten zur Sanierung und Umnutzung der angrenzenden Halle 4 im August 1998 abgeschlossen und auch die Grenzmauer zur Kaiserstraße gefallen war, legte man auf dem Nordabschnitt einen belanglosen Parkplatz mit begrünten Trennstreifen an - Standard eben.
Der Kunstverein, der in der Halle 4 einen Bereich zu Ausstellungszwecken erhielt, legte vor dem Wasserturm einen Ring wundersam geformter und überdimensionierter Abflussröhren in äußerst fragwürdigem braunen Glanz an, welche aufrecht gestellt, knallbunten Betonskulpturen als Podest dienen.
Der alte Werkhof des ehemaligen Ausbesserungswerkes ist heute nur noch eine Parkfläche wie jede andere auch, die einfach günstig neben der Halle 4 lag. Sie hat nicht wirklich etwas mit ihr zu tun und könnte sich überall befinden. Die vielen kreativen Möglichkeiten, die dieser Platz bot, sind wieder übersehen worden.

Eine Erhaltung der Laufkrananlage, der Lampenmasten und eines Teils der 'unordentlich' gewachsenen Bäume wäre bei schonender Tiefenenttrümmerung und Dekontamination des belasteten Erdreiches naheliegend gewesen. Dies hätte dem Ort die Identität erhalten, den 'Genius loci' bewahrt, Atmosphäre geschaffen, Geschichte erlebbar gemacht und reizvolle Akzente gesetzt. Sie hätten dem Gesamtensemble AW Lingen gut getan, es inhaltlich zusammengehalten und mit seiner Geschichte verknüpft.
Wie auch beim Abriss des Verwaltungsgebäudes und des Waschhauses wurde jedoch erst einmal alles beseitigt, denn auf weißem Papier lassen sich ja so schön gerade Linien ziehen.

Das wiederholt angewandte Verfahren hinterließ nur einen sauberen, langweiligen Parkplatz ohne jedes Gespür für Gestaltung und Charakter.
Bei all dem ist der rigorose Umgang mit historischer Bausubstanz natürlich beileibe kein typisches Lingener Problem. Es findet sich überall dort, wo Baudenkmalpflege als Schaffung, nagelneuer, steriler Lebensräume in alter Bausubstanz, die sich hinter hochmodernem Verbundputz verstecken muss, missverstanden wird.

Dipl.-Ing. [FH] Arch. Frank F. A. Drees

Angelegt:
ca. 1908
Bauform:
Nutzfläche
Bauweise:
Betonplatten, Pflaster, Ziegelmauerwerk, Stahlkonstruktionen, Holz
Grundfläche:
ca. 6.000m²
Max. Abmessungen:
ca. 55 x 127m
Historische Nutzung:
Lagerfläche Stofflagerabteilung
Neuordnung:
1989-1997
Heutige Nutzung:
PKW-Parkfläche